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Dieses Kostüm habe ich wirklich geliebt! Obwohl es noch viel unbequemer zu tragen war als alles, was ich vorher gebaut habe. Aber es war es absolut wert zu leiden, während wir wie Geishas oder Ballerinas im Plie tippelten. Wir hatten nur 35cm Platz zwischen den mit Postkarten bedruckten Leinwänden (120 x 80 cm).
Dieses Jahr habe ich noch mehr Wert auf Konzept, Details und Idee gelegt. Ich wollte etwas schaffen, das sehr stark mit Venedig verbunden ist. Deshalb fielen mir sofort Postkarten ein. Es sind wohl zahllose Massen an Grußkarten, die jedes Jahr aus der Serenissima verschickt werden (wer weiß schon, wie viele???) und als ich im Internet einige alte aquarellierte Karten fand, wusste ich, dass die perfekt waren. Sie zeigten die bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt und die Farbpalette passte perfekt zu den Farben, die ich mir vorher ausgemalt hatte, um Venedig zu beschreiben. Das Rot der Schuhe und der Haare sah aus wie die Backsteinwände und der roten Farbe der Häuser in Venedig, Burano und Murano. Das Türkis der Federn auf den Köpfen spiegelt die Farbe des Wassers der Kanäle wider, wenn die Sonne darauf fällt und das Wasser funkeln lässt. Das Hellblau im alten Vorhangstoff hatte die zarte Färbung des blauen Himmels, das Beige des Stoffes diesen speziellen Ton, den der abbröckelnde Putz an den Fassaden hat. Über 400 echte alte italienische Briefmarken verteilte ich wie hingeworfen auf den Kleidern, dem Gehrock und dem Arlecchino. Dafür habe ich fast den gesamten Bestand eines kleinen Briefmarkenladens in Hamburg leergekauft :-) Auf den gestreiften Stoff des Gehrocks, den Fächern und den Masken stempelte ich geschriebenen Text auf, so dass es aussah wie Briefpapier oder Postkarten. Die Handtasche war ein kleines Köfferchen mit Postkarten auf beiden Seiten. Darin war ein Stempelkissen angebracht und ein Poststempel mit meiner Websiteadresse und Namen lag im Koffer, damit bestempelte ich Passanten, die Kontaktdaten haben wollten. Das gab immer großes Gelächter.
Auf den Perücken hatte ich neben Briefmarken und Postkarten echte Schreibfedern aus Muranoglas geklebt, die wunderschön im Sonnenlicht ihre Farben leuchten ließen und in echte Tintenfässer getaucht waren. Auf meiner Perücke thronte ein Vintage-Hut aus dem Opernhaus von Hamburg. Sisas Perücke hatte ein Loch zum Durchschauen und -Fotografieren. Das haben die Fotografen auch oft gemacht. Lustige Bilder sind das geworden, wenn Campanile, Sonne oder sonstwas zu sehen waren. Mein kleine Messing-”Damenglocke” bimmelte uns immer schön den Weg frei.
Arlecchino war eigentlich nicht von Anfang an geplant. Aber je besser ich Wolfgang kennenlernte, desto mehr wusste ich, dass er in einem Edelmann nicht richtig zur Geltung kommen würde mit seinem Temperament und seinem Witz und Charme. Zwei Tage vor Abreise machte ich noch in einer Dauersession den Arlecchino aus einer Malerkluft als Basis. Mir ging noch das goldenen Band aus und ich flickte was zusammen, war aber sehr unglücklich damit, weil es nicht perfekt aussah. In Venedig fand ich dann noch ein passendes Band, dass ich dort zum sechsfachen Preis nachkaufte. Aber egal, Arlecchino war es wert. Und wie schön dieses wilde Kostüm unsere Gruppe ergänzte! Jede schlaflose Minute Arbeit hatte sich gelohnt. Wolf spielte wie ein Wilder mit uns und den Passanten wir hatten so viel Spaß. Er hüfte so wild herum, dass am ersten Tag sogar ein Schuhsohle abging und wir die Puschen flicken mussten.
Beim Publikum in den Straßen kamen die “Grüße aus Venedig” super an. Viele wünschten uns Glück und sagten, dass wir gewinnen sollten. Wir zogen auch ganz locker ins Finale-Finale ein (beste Zehn). Aber in der letzten Vorstellungsrunde guckte die Jury gar nicht richtig hin. Als wir uns präsentieren wollten, winkte man schon ab, als wir noch nicht mal in die Gesichter der Jury gucken konnten: “Danke, reicht.” Das hat uns sehr irritiert, gerade auch, weil Arlecchino noch jonglieren und Späßchen machen wollte, doch dazu kam es fast gar nicht mehr. Nicht zu gewinnen fand ich nicht schlimm, doch nicht mal richtig präsentieren zu dürfen (sonst wurden wir gefragt, wo wir her kämen und was das Thema des Kostümes sei, was man sich beim Machen so gedacht hat, aber diesmal: nix) und nicht angeguckt zu werden (wie es in den Jahren vorher ja immer der Fall war), das fand ich nicht sehr respektvoll und sehr schade, denn so gingen die ganzen liebevollen Details einfach unter. Ich hatte ja sogar das Datum, an dem Sissi auf dem Lido zur Kur weilte herausgefunden und auf die Karte geschrieben. Die italienische Übersetzung auf Sisas Karte war ein alter Text, den meine Freundin Roberta aufgetan hatte und die Karten an sich sollten einen Briefwechsel zwischen der Kaiserin und ihrer Schwester Helene darstellen. Doch im Gegensatz zu den Leuten in der Straße, die sich oft sogar Zeit nahmen, die Karten zu lesen, interessierte das auf der Bühne niemanden. Aber, ok, so ist die Jury und dieser Wettbewerb. Das muss man hinnehmen oder nicht hingehen.
Dennoch hatten wir viel Spaß mit diesen Kleidern und deutlich mehr Zeit für gute Fotos als in den letzten Jahren. Aus den Bildern machen unser Fotograf Jo und ich gerade ein Buch, viel, viel Arbeit ;-) Am letzten, unserem “Familientag” an dem auch Sophia zurück in die Stadt kam und ihr Kostüme tragen durfte, nahm ich die Seitenteile der beiden Postkarten, zippte diese zusammen, so dass sie über meine Standardkrinoline als kompletter Stoffrock passten. Mit ein paar Handgriffen war der neue Rock komplett, schnell ein paar Postkarten vorne in die Mitte und ich konnte endlich sitzen in dem Kostüm - mit Kind wäre es mit den Bilderrahmen unmöglich gewesen, loszugehen. Dummerweise stürzte ich mit dem neuen Rock die 1,5m hohe Treppe vor unserem Apartment herunter und zerrte, dehnte und verdreht mir die Schulter. Sophia hatte meine Aufmerksamkeit beim Heruntergehen abgelenkt und ich Dussel habe mich auf der Stufe vertreten und bin im Sturzflug runtergeknallt. Doch meine eigentümliche Metallkrinoline bremste meinen Fall und verhinderte, dass mein Kopf auf den Marmor schlug. Das Blechding stand 90 Grad hoch, ließ sich aber wieder zurückbiegen. Ich hielt noch drei Stunden durch, dann wurden die Schmerzen zu viel. Krankenhausdiagnose am nächsten Tag: Schulter- und Schleudertrauma, Armbinde und ruhigstellen für 3 Wochen. Aber, ok, Bruch wäre schlimmer gewesen.
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